In Münster wird für Radfahrer nicht angenehmer und vor allem nicht sicherer. Die Polizei spielt Kindergärtner, indem sie sich auf schwerstkriminelle weil mangelhaft beleuchtete Radfahrer stürzt, die Westfälischen Nachrichten betreibt puren Populismus gegen Radfahrer, wenn sie einen bedauerlichen Einzelfall eines Rentners auswalzt, der von einem armleuchtenden Radfahrer umgenietet wurde. Klar, Mitleid mit dem Rentner, so etwas muss nicht sein, auch Mitleid mit den Westfälischen Nachrichten, die sich wohl gewzungen sieht, journalistische Gepflogenheiten der Bild-Zeitung zu imitieren. Vor allem aber dürfte eine solche Berichterstattung ein Schlag ins Gesicht der Opfer und Angehörigen derer sein, die im Verkehr generell verunfallten, egal ob als Autofahrer oder Fußgänger oder Radfahrer, ihr Leben lang unter den Folgen zu leiden haben oder gar das Leben verloren.
Wer sich in dem vorliegenden Fall falsch verhalten hat, ob nur der Armleuchter oder ob auch der Rentner den Zusammenprall hätte verhindern können, interessiert in dem Beitrag so wirklich niemanden, nicht einmal die debil lächelnde Polizei. So geht es eben munter weiter in einer fahrradfreundlichen Stadt. Mich soll es unmittelbar nicht stören, ich verhalte mich im verkehr auf Münsters Straßen und den Buckelpisten daneben regelgerecht.
Schwächere oder vermeindlich stärkere Gemüter treten hier in Rudeln und gepanzert auf. Viele brauchen zur Selbstverwirklichung 700kg bis mehrere Tonnen Stahl und Glas um sich herum. Sie reiten das heilige Blech, sie hören schlecht und sehen wenig, sie zelebrieren die Freiheit des gemeinschaftlich zähflüssigen Stadtverkehrs. Für sie sind Radfahrer wohl so etwas wie Heiden, sie beten nicht an das heilige Blech, sie reden nicht Benzin und denken nicht in engen Hubräumen, kurzum: Radfahrer sind gerneralverdächtig, vielleicht schwachsinnig, sie sind anders!
Diese Gemüter sind die Mühlen, auf die die Aktionen und dazugehörigen Pressemitteilungen der Polizei fallen, sie sind der Acker, auf dem der Mist der Westfälischen Nachrichten den Wuchs recht seltsamer Früchte begünstigt. Diese Gemüter fühlen sich berufen, ihr Revier, ihre Fahrbahn rigoros und mit vielen Mitteln gegen Radfahrer zu verteidigen und diese zu erziehen.
Diese Erziehungsversuche kommen meiner Wahrnehmung nach in jüngerer Zeit wieder gehäuft vor. Sei es der schimmelgrüne Corsa, der in der Kurve die Spur wechselt, ohne zu schauen, wer rechts von ihm auf Höhe seiner Vorderachse mit gleicher Geschwindigkeit fährt und mich weit abdrängt, bis er durch mein Gebrüll wach wird aus seinem Traume von Allmacht und freier Fahrt. Sei es der Opa im Benz-Kombi, der 200m weiter am selben Tage Sekunden später sehr stark beschleunigt, seinem Gefährt hohe Drehzahlen abverlangt, um mich gleichzeitig hupend und scharf bremsend davon zu überzeugen versucht, dass es für mich gesünder sei, spontan zu verdunsten, um ihm im engen Stadtverkehr zu ermöglichen, dicht am Heck meines Vordermannes die ach so freie Fahrt zu geniessen, das mündlich übermittelte Grundrecht eines jeden deutschen Kraftfahrers.
Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang auch Wesen, die fahrend ihr Geld verdienen indem sie mit ihren puddinggelben Gefährten Fahrgäste zu ihrem Ziel zu bringen. Niaive Menschen gehen davon aus, dass diese Wesen besonders an ihrer Fahrerlaubnis hängen, da sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Taxifahrer.
Kürzlich gab es einen verhinderten Oberlehrer dieser Gattung, der mich auf der Fahrbahn falsch fahrend wähnte, mich auf die parallel verlaufende Promenade wünschte und sich selbst daher die Berechtigung erteilte, mich sehr sehr dicht und sehr rasant zu überholen. "Ich huste den Radfahrer besser mal kurz an, damit er merkt, dass er auf meiner Fahrbahn nichts zu suchen hat." Ich fand den Fahrer nebst Taxi in Sichtweite meines Arbeitsplatz an einem Taxistand, ich hustete sehr deutlich und laut zurück, rein verbal durch die offene Seitenscheibe ins Wageninnere.
Ich bin volljährig und das schon recht lange. Ich fahre seit über 30 Jahren überwiegend Rad. Ich bin in einem Alter, in dem man sich seine Lehrer gemeinhin aussucht, und nicht jeden als solchen akzeptieren muss. Ich habe Eltern, die mich nicht missen möchten. Ich habe Kinder, die mich brauchen. Ich habe das Grundrecht auf Unversehrtheit. Ich weiß die Gewalt allein in den Händen der Exekutive. Ich fahre Rad und bin normal, ich fahre Rad, weil ich nur wenig mit dem Auto fahren möchte.
Ich sehe das Foto in der Zeitung, ich sehe Polizisten wie Polizeidirektor Udo Weiss, der in seinem pastoralen Singsang den Radfahrern den vorauseilenden Gehorsam predigt, Rücksichtnahme um jeden Preis. Ich nehme ihre Aktionen wahr zum Tragen von Helm und Reflektionswesten. Ich sehe eine Polizei, die die Kontrolle über das Verkehrsgeschehen in Münster schon vor Jahren verloren hat und die wiedermal zur Hatz auf vermeindlich Radelrowdys bläst, um wenigstens etwas zu bekommen, was sie überwachen kann.
Ich denke an den Opa im Benz-Kombi, so mutig, jemanden zu bedrohen, wenn er in der Waffe vor Zugriff durch den Bedrohten geschützt ist. Aber ich weiß, dass er einer von denen ist, die in einer Straße ohne Radweg mit dem Rad möglichst weit rechts auf dem Gehweg fahren, weil der Verkehr so gefährlich geworden ist in der letzten Zeit. Deswegen steigt er nur wenige Male im Jahr aufs Rad. Autofahren ist so viel sicherer.