Donnerstag, 11. Februar 2010

Gieriger Zossen

Von Dienstag auf Mittwoch hatte es zum Feierabend hin ein bisschen geschneit. Eigentlich hatte ich geplant, das mir liebste bis zum Schluss meiner "Versuchsreihe" zu bewahren. Da ich aber schwierige Straßenverhältnisse über Nacht erwartet hatte, mir aus Münster ähnliches berichtet wurde und ich mich auf ein Einspurliegern noch nicht so sicher fühle, alsdass ich damit im Schnee fahre, habe ich ein Liegedreirad vorgezogen.

Ein Liegedreirad? Nein, für mich ist es das Liegedreirad. Ich kenne das Gerät in seiner ersten Ausgabe schon lange. Über dieses Liegedreirad habe ich überhaupt erst von der Existenz des Herstellers erfahren. Es war quasi der erste Schritt auf dem Weg zur Arbeit bei...na, meinem Arbeitgeber :-).

Die von mir gefahrene Maschine war aber nicht die Urform, sondern der bereits zweite Ableger. Es ist das zweitniedrigste Rad der Reihe, vollgefedert. Vorne verrichten zwei McPherson-Federbeine ihre Arbeit, der sehr Steife Hinterbau wird von einem Stahlfederelement im Zaum gehalten. Es liegt in Tadpole-Form vor, vorne zwei gelenkte, nicht angetriebene Räder 20" mit Scheibenbremsen, hinten ein angetriebenes Rad. Das Rad, welches ich fuhr, war freundlicherweise mit einer Rohloff Speedhub 500/14 ausgestattet, meiner Lieblingsschaltung.
Bremsen: Magura Big, gekoppelt rechts, bestens dosierbar, beste vorzögerung der auf Marathon Racern rollenden "Bestie".

Ich entschuldige für daür, dass mein Stil in den der AutoBild abrutscht, aber ich kann das Gefühl nur mit dem eines offenen Rennwagens vergleichen.

Man tritt über das Gefährt, die Füße rechts und links vom Tretlagerausleger, vor den beiden Auslegern der Vorderreifen. Man gehe leicht in die Hocke, zieht die Bremsen, verlagert sein Gewicht nach hinten und rutsch sanft in den Schalensitz, ruckelt sich bequem zurecht und fühlt sich bestens aufgehoben. Man lässt den Blich schweifen. Der Lenker befindet sich etwas über dem Niveau der Sitzschalte, alles gut zu erreichen. Die Vorderräder sind im Blickfeld, jede Lenkbewegung bekommt man unmittelbar mit, geil. Es ist ein Spiegel montiert, mit Winterjacke kann man den kaum sehen, reden wir nicht darüber. Man kann sich während der Fahrt leicht halb umdrehen, ich bin auch viel nach Gehör gefahren.

À propos fahren: rechte Kurbel als 1-Uhr-Position, Füße in die Kurbeln, Antritt. Anfahren im 1. Gang, beim Hochschalten überspringe ich immer einen Gang. Ich möchte nicht aufhören, zu beschleunigen. Cruisen kann ich später immernoch. Vor den ersten Kurven bremse ich leicht an, nehme den Druck von den Pedalen. Später lasse ich das, pedaliere unverändert weiter. Die Kurven fahre ich immer schneller, lehne mich in die Kurve. Das Dreirad macht alles willig mit. Durch den tiefen Schwerpunkt liegt es satt in den Kurven. Auch wenn ich es darauf anlege, ich bekomme es unter normalen Bedingungen nicht auf zwei Räder. Stöße von unten werden sauber ausgefedert, dennoch hat man ein gutes Gefühl vom Untergrund. Schneller, immer schneller, bis die Rohloff im 14. Gang das Geräusch einer hochfahrenden Turbine von sich gibt. Geil!!!

Am Berg macht sich das Gewicht von knapp 20kg bemerkbar. Auch eine Rohloff macht es im 1. Gang nicht vergnüglicher, das Systemgewicht von 110kg (Rad und ich) nach oben zu bekommen. Belohnt wird man immer mit rasanten Abfahrten der kurvenhungrigen Flunder.

Lassen wir das Endorphin mal einen Moment außer Acht: Was wir vor uns haben, ist nicht so lang und breit, wie es auf Bildern scheint. Die Breite von etwas über 80cm passt durch die meisten Türen, wenn es mal enger zugeht, man kann es falten. Gepäckträger und optionale Anhängerkupplung runden das Bild für die Tour oder die Reise oder den großen Einkauf ab. Im Sommer am Café, im Stadtverkehr oder unterwegs, der Neid anderer großer Kinder ist einem sicher. Vielleicht sehen "normale" Menschen mich auch als Spinner an. Das ist mir egal, wenn ich ein Spinner bin, dann aber im Abrahams schnellem Schoß ein glücklicher.

Daten:
HP Velotechnik Scorpion FS, mit Rohloff Speedhub, Avid BB7 gekoppelt rechts, DT Swiss Dämpfer hinten, SON one-side. Bis auf die Farbe ein geiles Teil ;-)