Im Rahmen der Diskussionsreihe "Münstersche Sicherheitgespräche" luden die Deutsche Hochschule der Polizei, das Polizeipräsidium Münster, die Stadt Münster, die Westfälische Wilhelms-Universität sowie das Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten der Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen zur vierten Runde mit dem Thema "Fahrrad-Hauptstadt Münster - Risiken und Nebenwirkungen!?"
Teilnehmer der Podiumsdiskussion waren Werner Ringkamp, 1. Vorsitzender des ADFC Münster/Münsterland e.V., Dipl. Ing. Jörg Ortlepp, Verkehrsplaner des Planerbüros Südstadt aus Köln, Prof. Dr. Michael Raschke der Poliklinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie der Uniklink Münster sowie der Leiter der Direktion Verkehr der Polizei Münster LPO Udo Weiss.
Die Räumlichkeiten für diese Veranstaltung stellte die WWU zur Verfügung in Form des F2 des Fürstenberghauses im Herzen Münsters, daher gebührten die Eröffnungsworte der Rektorin der WWU Prof. Dr. Ursula Nelles. Diese nahm das Zitat von Adam Opel "Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden, wie beim Fahrrad." zum Anlass für eine kritische Betrachtung des Themenkomplexes Fahrrad mit besonderem Augenmerk auf die Verkehrssituation im Stadtgebiet Münster. Dabei wies sie auf die Wichtigkeit der Verkehrserziehung hin und erinnerte die Anwesenden daran, dass die Polizei Münster bei der Begrüßung der Erstsemester auf die Gefahren des Radfahrens in Münster hingewiesen hat und bei zukünftigen Veranstaltungen auch weiter daran hinweisen wird. Sie selbst habe dem Radfahren in Münsters Stadtgebiet abgeschworen, sie müsse auch zugeben, dass sie keinen Helm trage. Sie fahre ausschließlich als Freizeitbeschäftigung Rad auf sog. Pättkestouren.
Ebenso fühlte sich Oberbürgermeister Dr. Berthold Tillmann dazu berufen, eröffnende Worte an das Publikum zu richten, indem er scherzhaft die jetzige Runde zu Problemen mit dem Radverkehr in Kontext zu früheren Veranstaltungen über Jugendkriminalität in Münster, Sicherheit in der Stadt und Angst vor Terrorismus brachte. Das Hauptproblem sehe er darin, eine Integration des nicht-motorisieren Verkehrs in eine großstädtische Verkehrsinfrastruktur zu schaffen. Dieses kann seiner Meinung nach nur mit zwei wichtigen Punkten, nämlich mit der Einsicht in die Regelhaftigkeit sowie der Einsicht in die Strukturen gelingen. Je komplexer die Verkehrsstrukturen seien, desto höher seien die Anforderungen an ein regelkonformes Verhalten. Seine Zielsetzung sei es daher aufgrund dieser hohen Komplexität, eine objektive Betrachtungsweise an den Tag zu legen und zügige, aber nicht überhastete, Verbesserungen anzustreben.
Bis hierher wurden zumindest offen keine kritischen Töne gegenüber den Radfahrern laut, sondern es wurden eher die Strukturen an sich in Frage gestellt.
Zu Beginn der Referatsrunde stellte Werner Ringkamp die Geschichte der Radverkehrspolitik, in Münster vor. Nachdem er den Kreisverband des ADFC Münster/Münsterland e.V. ausgiebig vorstellte, ging er auf das tatsächliche Thema ein.
Wo in den 1950er Jahren das Fahrrad noch als Verkehrshinderniss mit rüpelhaften Fahrern hingestellt wurde, sah man die Verkehrskapazitäten in den 1960er Jahren im Stadtgebiet Münsters bereits als nahezu erschöpft an. In den 1970er Jahren betrieb man eine verstärkte Förderung des ÖPNV bis man 1974 endlich einsah, dass das Fahrrad als platzsparendes Verkehrsmittel nun doch zu fördern sei. Er stellte anhand eines statistischen Vergleiches mit den Städten Troisdorf und Leipzig fest, dass Münster mit knapp 37% Radverkehrsanteil überproportional hoch vertreten ist, dass die Unfallzahlen bei Radfahrern aber nicht linear mit der Zunahme des Radverkehrsanteils wüchsen. Seine Forderung lautet, das Fahrradfahren noch sicherer zu machen.
Das Planerbüro Südstadt wurde von der Stadt Münster mit einer Analyse der aktuellen Situation im Konfliktbereich zwischen Rad- und Autoverkehr beauftragt. Dipl. Ing. Ortlepp stellte kurz die Annäherung an die Problematik vor, nannte Schwerpunkte der Unfallursachen auf Seiten des KFZ-Verkehrs und des Rad-Verkehrs in Münster. Ebenso stellte er einen Vergleich an mit anderen deutschen Städten mit deutlich geringerem Radverkehrsanteil.
Als Besonderheit für Münster verdeutlichte er den hohen Prozentsatz an Unfällen mit Radfahrerbeteiligung unter Alkoholeinfluss. Was im ersten Moment einleuchten mag, kann hier auch gleich wieder in Frage gestellt werden. Wenn weniger Menschen insgesamt mit dem Rad fahren, fahren auch weniger Radfahrer betrunken. Daher ist diese Statistik allein nicht aussagekräftig, ohne dass man die Zahlen der Unfälle mit Autobeteiligung unter Alkoholeinfluss hinzuzieht.
Prof. Dr. Raschke lieferte eine multimediale Horrorshow über Verletzungen von Radfahrern bei Verkehrsunfällen. Er zeigte Röntgenaufnahmen von gebrochenen Gliedmaßen sowie deren aufwändige Wiederherstellung und erfasste eine nicht-repräsentative Verteilung der Verletzungen nach Körperregionen bei 100 verunfallten Radfahrern der letzten sieben Monate.
Raschke stellte im Rahmen seiner Untersuchung fest, dass Verletzungen des Schädel- und Gesichtsbereiches mit einer Häufigkeit von 16,2% vertreten waren, eine ganz im Gegensatz zu Verletzungen der oberen Extremitäten (35,6%) nur knapp halb so große Zahl. Dies hielt ihn leider nicht davon ab, Werbung für das Tragen eines Fahrradhelms zu machen. Den trage er selber oft aber leider nicht immer, wenn er mit dem Fahrrad fährt. Warum er angesichts seiner eigenen Erkenntnisse nicht lieber mit einem Brustharnisch, Arm- und Rückenprotektoren auf dem Rad fährt, lies Raschke leider offen.
Udo Weiss in seiner Funktion des Leiters der Direktion Verkehr der Polizei Münster habe ich in einer früheren Veranstaltung bereits kennengelernt. Auch in der jetzigen Veranstaltung startete er mit einem Liebesbekenntnis zu Münster in allerdings in Verbindung mit den Verkehrsunfallhäufigkeitszahlen in NRW. Herr Weiss nutzte sein Referat zur Stimmungsmache gegen das Radfahren mit Fallbeispielen und Fotos tödlich verunglückter Radfahrer und polemisierte Mithilfe von Stimmen aus Münster, die Radfahrer als rücksichtslos und rüpelhaft hinstellen. Herr Weiss war also nicht in der Lage, wie seine Vorredner mit Fakten zu überzeugen, sondern wählte für seinen Vortrag den ideologisch-emotionalen Duktus eines besorgten Behüters aller Verkehrsteilnehmer. Er fokussierte seine Ausführungen auf die Darstellung menschlichen Leids, dass aus Verkehrsunfällen entstehe. Weiterhin stellte er einen Verfall der Normenakzeptanz fest und beklagte mithilfe von tendenziösen Fotos eine unklare Normensituation im Straßenverkehr.
Anhand einer Aufnahme eines getrennten Rad- und Gehweges, der nachtäglich Mithilfe einer Markierung um eine Rechtsabbiegerspur für Radfahrer erweitert wurde, sodaß für "die Mutter mit einem Kinderwagen und einem vierjährigen Kind dazu noch an der Hand" (Zitat Weiss) nicht genug Platz bliebe, stellte er die Frage, ob die Autofahrer die Radfahrer verdrängen, damit die Radfahrer dann die Fußgänger verdrängen? Sein unausgesprochenes Fazit scheint damit zu sein, dass Radfahrer in jeder Situation bereit sein müssen, zurückzustecken und ihr Recht gemäß StVO zum Wohle anderer aufzugeben in der jeweiligen Situation.
Leider verlor Herr Weiss kein Wort darüber, dass der Radfahrer solche Situationen in der Regel nicht selbst herbeiführt, sondern solche Situationen meistens von den Kommunen bzw. den Straßenverkehrsbehörden herbeigeführt werden.
Im Rahmen der zweiten Gesprächrunde, den Verbesserungsvorschlägen stellte Werner Ringkamp fest, dass alle Verkehrsteilnehmer Menschen seien, die nun einmal Fehler machen, da der Mensch in seiner Art niemals perfekt sei. Von daher seien es oft die baulichen Gegebenheiten, von denen der Mensch im Verkehr abhängig sei. Außerdem gab er zu denken, dass ein Radfahrer Stunden später zum Autofahrer werden könne und damit nicht automatisch regeltreuer würde, als er als Radfahrer war.
Jörg Ortlepp bekannte sich froh über die Tatsache, dass er als Nicht-Münsteraner in der Position des nicht-emotionalen Analysten sei. Es sieht den Radverkehr in Münster als Massenverkehr an und postuliert damit die Notwendigkeit einer Gleichberechtigung. Er macht überwiegend Planungsdefizite für die aktuelle Unfallsituation verantwortlich, stellte aber auch fest, dass ein Radfahrer, der sich nicht so regelgetreu verhalte, wie ein Autofahrer, nicht auf dieselben Rechte pochen könne.
Prof. Dr. Raschke riet generell von einer Helmpflicht ab, unter Anderem deswegen, da der Helm keine Lebensversicherung sei. In einer Stadt der Mobilität wie Münster spricht er die Empfehlung des Helmtragens aus, eine Reglementierung sei allerdings nicht wünschenswert, da sie die flächendeckende Nutzung des Fahrrades einschränken würde. Aber wenigstens den Kindern solle man in puncto Helm doch ein gutes Vorbild sein.
Udo Weiss setzte seine pastoral-missionarische Stellungnahme fort, dass der Radfahrer doch endlich einsehe, dass er sich auf sehr gefährlichem Terrain bewege. Über die Quellen der Gefahren verlor er auch hier allerdings wieder kein Wort. Er wiederholte nur gebetsmühlenartig, dass seine Dienststelle eine Polarisierung der Problematik aktiv vermeide und das die Diskussion weiterhin unideologisch geführt werden müsse. Dabei war es an diesem Abend alleine er, der eine rein ideologische Sichtweise betrieb.
Die anschließende Diskussion erfüllte die Erwartungen, die ich aufgrund der vorangegangenen Vorträge schon hatte. Der Radverkehr müsse durch weitere Radverkehrsanlagen weiter gefördert werden, das Prinzip der Separierung werde hier weiterhin favorisiert. Daran konnten auch zwei Vertreter des ADFC mit ihren Wortmeldungen nichts ändern, in denen sie die Qualität der Hochbordradwege, deren Verbreitung sowie deren Maße kritisierten. Stadtdirektor Schultheiss sprach sich vielmehr für eine intensivere Normenkontrolle aus und regte Prof. Dr. Raschke an, ein Fahrrad-Trauma-Register für die Stadt Münster einzurichten, um den Unfallursachen und deren Auswirkungen weiter auf die Spur zu kommen. Wolfgang Hundt als Leiter der Radstation Münster sprach Udo Wiess direkt an, dass dieser mit der Kontrolle von Beleuchtungseinrichtungen an Fahrrädern bzw. der Ahndung von Handybenutzung auf dem Fahrrad eine "Bresche" in die Verkehrsunfallstatistik Münsters schlagen würde, da es sich insgesamt um nur 13 Unfälle mit dieser Ursache handele. Weiss wies diese Zahl jedoch als falsch zurück, weigerte sich ansonsten aber auch, mit Hundt zu diskutieren, da der Konflikt zwischen den beiden andere Wurzeln habe.
Ich meldete mich ebenfalls zu Wort, indem ich anmerkte, dass die beiden Jugendlichen in meinem Haushalt mit 11 und 14 Jahren konsequent bei dem Nicht-Vorhandensein auf dem Gehweg fahren würden, da ihnen von Kindheit an eingebläut wurde, dass es sich bei dem Fahrrad um sein sehr gefährliches Verkehrsmittel handele. Im Bundesdurchschnitt jedoch gehört das Fahrrad zu den sichereren Verkehrsmitteln. Weiterhin gab ich zu denken, dass Herr Weiss gerne mehr regelhaftes Verhalten fordern könne, jedoch seien u.A. er uns seine Behörde gemäß Verwaltungsvorschrift zu StVO verpflichtet, jederzeit Radverkehrsanlagen und ihre Beschilderung auf ihren Sicherheitsgewinn, ihren baulichen Zustand und auf ihre Notwenigkeit zu untersuchen. Gerade in diesem Punkt sehe ich aber seitens der StVB und der Polizei Münster klare Versäumnisse. Leider ging Weiss auf diesen Punkt nur indirekt ein, indem er wieder über das Leid der Opfer von Verkehrsunfällen dozierte, ohne auf die Ursachen zu sprechen zu kommen. Den Vogel allerdings schoß Werner Ringkamp ab, indem er völlig ohne Zusammenhang Beleuchtungseinrichtungen für Fahrräder forderte, die sich bei Eintreten der Dunkelheit automatisch einschalten sowie hydraulische Bremsen, die das Rad nicht blockieren. Ich selbst habe eine solche Beleuchtung seit ca. zwei Jahren am Rad. Wer verhindern möchte, dass sein Rad bei einer Notbremsung blockiert, sollte ersteinmal lernen, sein Rad zu beherrschen und zu bremsen.
Update: Zeugnis des verqueren Weltbild der Polizei Münster ist diese neue Aktion. Am 26.02. habe ich zum Thema auch noch dieses gefunden. Also lässt der ländliche Nachbarkreis auch gerne Inspiration zu sich durchsickern.