Pedalengedanken
Hier ein paar Gedankensplitter, die mir auf dem Weg in die Firma durch den Kopf schossen:
- Physik muss schon was für Experten sein. Wenn es nicht so wäre, wäre es den Fußgängern, die heute morgen blind auf dem Radweg dicht vor mir meinen Weg kreuzten, klar, dass ich mit einem Systemgewicht von guten 100 kg bei einer Geschwindigkeit von 28 km/h im Kollisionsfall nicht signifikant ungefährlicher als ein Auto bin. An der Fahrbahn passen alle höllisch auf, der Radweg wird von solchen Fußgängern kaum als achtenswert angesehen. Wenn es zum Unfall kommt, ist natürlich der Radfahrer der Schuldige. Ich vermute, dass die ältere Dame, die mich im Vorbeifahren als "dumme Sau" bezeichnete, als ich sich mithilfe meiner Klingel auf mich aufmerksam machte, es ähnlich sah.
- Wilde These: Je mehr Konflikte drohen bzw. je härter diese werden, desto mehr strebt das Individuum danach, aufzurüsten. Das ist für mich die Erklärung, warum die SUVs so beliebt sind. Ich meine diese übermotorisierten Limosinen, die auf hohe Federbeine gestellt werden, elektronisch auf "Gelände"-Modus geschaltet werden können und damit so tun, als seien sie tatsächlich geländegängig. Ich habe dazu mal die Bezeichnung "Waldrandauto" gelesen. Wirklich in den Matsch kann man mit den Teilen nicht. Ein richtiges Offroad-Fahrzeug hat sperrbare Differentiale, echte Geländeübersetzungen und sowas. Diese Porsche Cayenne, VW Touareg, BMW X5 und Mercedes GL bekommen wenig Auslauf dieser Art. Ich sehe solche Modelle immer nur blitzsauber im Stadtverkehr, wenn Mutti die Brut zur Schule oder sonstwohin bringt oder einkaufen fährt. Diese Fahrzeuge haben einen Verbrauch wie einen Panzer, brauchen Platz wie ein Lieferwagen, kurzum, reine Statusprothesen und Rüstungen. Mir fällt immer wieder auf, dass die Fahrer dieser Fahrzeuge sich so bewegen, als könne ihnen nichts und niemand etwas anhaben. Vielleicht haben diese Fahrer in der Vergangenheit die traumatische Erfahrung der eigenen Verletzlichkeit machen müssen und versuchen sich auf diese Art zu therapieren. Eigentlich hätte ich mein Mitleid demjenigen gegenüber bekunden müssen, der mich heute mit sehr sparsamen Abstand überholte und danach den halben Randstreifen umpflügte, weil die Straße für zwei Fahrzeuge dieser Art im Falle eines Entgegenkommens einfach zu schmal war. Dem gottgleichen Fortbewegungsdrang kann sich aber weder Flora noch Fauna schadlos in den Weg stellen.
- Wieso fällt es einigen Leuten so unglaublich schwer, einfach mal den Zündschlüssel des Autos abzuziehen? Gestern stand ein gammeliger Fiat offen und mit Schlüsseln im Zündschloss auf dem Parkplatz eines Babyzubehör-Discounters. Ebenso habe ich gestern am Altglas-Container beobachtet, wie eines von zwei wichtig aussehenden Männchen mit Klemmbrett und Landkarten seinen Corsa mit laufendem Motor stehenlies, sich 200 m entfernte um dem anderen wichtig aussehenden Männchen etwas in der Landschaft zu zeigen. Ich habe mir erst überlegt, ob ich nicht den Motor abschalte, das Fahrzeug verschliesse und den Schlüssel mit Angabe des Kennzeichen bei der Polizei abgebe. Leider habe ich es nicht getan.
6 Kommentare:
Natürlich sind 100 kg Radfahrer wesentlich ungefährlicher als ein bis zwei Tonnen Auto!
...ach, deswegen ist die ältere Dame blind auf den Radweg gegangen. Sie befürchtete nur geringe Verletzung für den Fall, dass ein schneller Radfahrer sie ummangelt ;-)
Ein Auto ist ein stumpfer Körper mit teils stoßabsorbierenden Baugruppen und teils geometrischen Eigenschaften, die ein Abrollen (Motorhaube) ermöglichen. Ein Fahrrad im Vergleich dazu ist eher spitz. Ich vermute, dass bei der deutlich geringeren Masse des Fahrrades aber gerade aufgrund der geringen Aufprallfläche (Vorderrad, Bar Ends) die Krafteinwirkung ähnlich hoch sein dürfte.
Wie es auch immer tatsächlich sein dürfte, ich selbst halte beides für wenig erstrebenswert und halte in beiden Situationen das Riskio schwerer Verletzungen für sehr hoch.
Natürlich ist es gefährlich blind auf den Radweg zu latschen. Das will ich gar nicht in Abrede stellen und darüber ärgere ich mich selber oft genug.
Aber das Gefährdungspotential eines Fahrrads mit dem eines Autos gleichzusetzen halte ich doch für stark übertrieben.
Ich bin kein Physiker und werde nie einer werden, also kann ich meine Einschätzung nicht mit Zahlen begründen. Vielleicht mag der Vergleich auch übertrieben sein, allerdings gebe ich zu denken, dass der Unterschied zwischen schwer verletzt durch ein Auto und schwerverletzt durch ein Fahrrad für den Schwerverletzten selbst recht wenig Unterschied machen wird. Mir kommt es bei dieser Betrachtung nicht auf die Ursache sondern rein auf die Wirkung an. Diese kann in beiden Fällen ähnlich verheerend sein.
Ich vermute, dass jemand der meine Barends bei 30 Km/h in die Nieren bekommt danach nicht mehr aufsteht. Insofern ist ein Rad schon *ziemlich* gefährlich. Mit einem Auto kann ich natürlich vergleichsweise mehr Schaden anrichten.
Natürlich ist das Gefährdungspotenzial eines Fahrrades sehr viel geringer als das eines Autos. Das ist angesichts der Unfalldaten doch überdeutlich: einige hundert Fußgänger pro Jahr werden bei Unfällen mit Autos getötet, bei Unfällen mit Fahrrädern ist es ein Todesfall alle 5-10 Jahre. Während beim Auto die Aufprallenergie schon ausreicht, um einen Menschen zu töten bzw. schwer zu verletzen, muß beim Fahrrad noch ein zusätzlicher ungünstiger Umstand (z.B. ein unglücklicher Sturz nach dem Zusammenprall) dazukommen. Ein Fahrrad mit 28km/h ist signifikant ungefährlicher als ein Auto mit 30 oder 50km/h.
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